Textile Touches of Escape and Migration

deine Kleidung berührt mich

Irene Schüller

Initiatorin des Projektes, Bildende Künstlerin, Kuratorin, Filmemacherin (Freiburg, Deutschland)

Ece Ates

Kunsthistorikerin, kuratorische Assistentin (Izmir, Turkei)

about

Irene Schüller: Initiatorin des Projektes, Bildende Künstlerin, Kuratorin, Filmemacherin (Freiburg/D)

In meiner künstlerischen Arbeit beschäftige ich mich zunehmend mit der Fragestellung, welche Formen der Wahrnehmung uns Menschen zur Verfügung stehen und wie wir sie begreifen können. Ich frage mich, wie weit der Entscheidungsspielraum für unser eigenes Handeln reicht? Können wir unsere Intuition und unser Bauchgefühl beeinflussen?

Mit „Textile Touches of Escape and Migration“ möchte ich die Herausforderungen, die Flucht, Migration und Integration für einzelne Beteiligte, aber auch für eine ganze Gesellschaft bedeuten, in den Fokus rücken. Während vor der Pandemie die Lage der Flüchtenden das bestimmende Thema in den Medien war, nahmen in meinem direkten Umfeld rechte Stimmen zu. Diese Entwicklungen – die unmenschlichen Zustände an den EU-Außengrenzen, die Berichterstattung über eben diese und der rechte Hass – ließen in mir Gefühle der Ohnmacht und des Entsetzens wachsen.

2019 begab ich mich mit einem One-Way-Ticket auf die griechische Insel Lesbos, um mir ein klareres Bild machen zu können von dem, was Flucht für den oder die Einzelne bedeutet und was die Menschen, die bei uns ankommen, hinter sich haben. Ich besuchte das Lager Moria, wo ich vor allem Afghan*innen und Somalis kennenlernte. Sie nahmen mich mit – erst in ihre Zelte und dann auf ihren Weg, der sie aus der Heimat nach Moria führte, in der Hoffnung, möglichst bald nach Deutschland oder in andere Länder reisen zu können, in denen sie sich frei und sicher fühlen. Außerdem half ich beim „Beach Clean“, um die Ufer von den Überresten der Flucht zu befreien. Wenig später lernte ich in Berlin einen Modedesigner aus Syrien kennen, der mir ausführlich über seinen Weg von Syrien über die Türkei nach Lesbos, Athen und Berlin berichtete und dabei immer wieder die Rolle der Kleidung auf der Flucht aufgriff. Aber mehr dazu im Blog.

Wie auch in vorangegangen interaktiven Arbeiten nähere ich mich dem Thema über Körper und Emotion und vermeide bewusst eine kognitive Herangehensweise. Im Rahmen von „Textile Touches of Escape and Migration“ lade ich interessierte Menschen ein, ihre Erfahrungen und Emotionen in Form eines Kunst-Kleidungsstücks auszudrücken und anschließend Anderen die Möglichkeit zu geben, dieses anzuziehen und so in ihre, in die Haut des*der Anderen zu schlüpfen.

Die Produktion eines solchen Kleid-Kunst-Werkes ermöglicht dem/der Künstler*in eine intensive Auseinandersetzung mit der eigenen Sichtweise. Eventuell gehört auch Mut dazu, sich mit dem eigenen Kleid-Kunst-Werk zu zeigen. Dem*der Ausstellungsbesucher*in wiederum bietet sich durch die Konfrontation mit der Gefühlswelt eines*einer Anderen, die Gelegenheit, eine möglicherweise überraschende Erfahrung zu machen, die unumgänglich zur intimen Auseinandersetzung mit sich selbst führt. Die Aufforderung, das Kunstwerk eines anderen sprichwörtlich anzuziehen schafft somit den Raum, auf ganz körperliche Weise, neue Perspektiven einzunehmen.

Ich wünsche mir, dass dieses Projekt mit viel Offenheit und auch einer gewissen Freude am Ausprobieren und Konfrontieren mit eigenen Barrieren umgesetzt wird. Ich wünsche mir eine ehrliche Auseinandersetzung, die allen Beteiligten die eigene Verwundbarkeit vor Augen führt, mehr Empathie und Interesse entwickeln, sowie das eigene Denken und Handeln überprüfen und gegebenenfalls korrigieren lässt.

Integration kann nur gelingen, wenn Geflüchtete und Einheimische sich wirklich begegnen. „Textile Touches of Escape and Migration“ lädt explizit Menschen mit und ohne Fluchterfahrung zur Teilnahme ein und möchte dieser notwendigen Begegnung einen Raum, einen Anlass geben.

Menschen, die sich als Kommunikator*innen und Organisator*innen am Projekt beteiligen möchten, sind ebenfalls mehr als willkommen.

Mehr zu meinen Arbeiten unter www.irene-schueller.de.

 

Ece Ates: kuratorische Assistentin, Verwaltungsangestellte

Als Kunsthistorikerin, deren Arbeitsschwerpunkt im Bereich Biopolitik und deren Auswirkungen auf das menschliche Leben liegt, war ich immer an Grenzen und der Flüchtlingspolitik als Methode der Kontrolle interessiert. Geboren und aufgewachsen in Izmir an der türkischen Westküste, habe ich auch anderswo gelebt, weshalb mir Empathie mit Flüchtenden leicht fiel und ich mich schon bald mit ihnen beschäftigte. Nachdem ich im Ausland für verschiedene gemeinnützige Kulturinstitutionen gearbeitet hatte, unter anderem mit Künstlern aus den USA, kehrte ich während der Pandemie in die Türkei zurück, um meine Ausbildung weiterzuführen und neue Arbeitsmöglichkeiten zu erkunden. Hier wurde ich Zeugin eines starken Rassismus gegen Flüchtlinge und Asylsuchende.

Die Arbeit mit „Textile Touches“ ist mir aus mehreren Gründen sehr wichtig. Erstens möchte ich dabei helfen, ein Medium für Geflüchtete und Asylsuchende zu erschaffen, über das sie ihre Gefühle und Erfahrungen mitteilen können; ich hoffe außerdem, dadurch das Bewusstsein für Geflüchtete zu stärken. Im Lauf dieses Projekts tauchen wir nicht nur in ihre Erfahrungen und Erinnerungen ein, sondern auch in ihr Verhältnis zu Intoleranz und Diskriminierung. Um diese Beziehung besser zu verstehen, werden wir die Gedankenprozesse hinter der Diskriminierung erkunden. Somit soll dieses Projekt ein Diskussionsforum für beide Seiten bieten: für jene, die Vorurteile hegen, und für die Geflüchteten selbst.