Textile Touches of Escape and Migration

deine Kleidung berührt mich

Irene Schüller

Initiatorin des Projektes, Bildende Künstlerin, Kuratorin, Filmemacherin (Freiburg, Deutschland)

Annrike Udroiu

Diplom Textil- und Modedesignerin (FH), Kostümbildnerin, Arbeitsanleiterin und Sozialarbeiterin
(Ludwigsburg/Stuttgart)

Ece Ates

Kunsthistorikerin, kuratorische Assistentin (Izmir, Turkei)

KünstlerInnen

Bisherige Beteiligungen

about

Irene Schüller: Initiatorin des Projektes, Bildende Künstlerin, Kuratorin, Filmemacherin (Freiburg/D)

In meiner künstlerischen Arbeit beschäftige ich mich zunehmend mit der Fragestellung, welche Formen der Wahrnehmung uns Menschen zur Verfügung stehen und wie wir sie begreifen können. Ich frage mich, wie weit der Entscheidungsspielraum für unser eigenes Handeln reicht? Können wir unsere Intuition und unser Bauchgefühl beeinflussen?

Mit „Textile Touches of Escape and Migration“ möchte ich die Herausforderungen, die Flucht, Migration und Integration für einzelne Beteiligte, aber auch für eine ganze Gesellschaft bedeuten, in den Fokus rücken. Während vor der Pandemie die Lage der Flüchtenden das bestimmende Thema in den Medien war, nahmen in meinem direkten Umfeld rechte Stimmen zu. Diese Entwicklungen – die unmenschlichen Zustände an den EU-Außengrenzen, die Berichterstattung über eben diese und der rechte Hass – ließen in mir Gefühle der Ohnmacht und des Entsetzens wachsen.

2019 begab ich mich mit einem One-Way-Ticket auf die griechische Insel Lesbos, um mir ein klareres Bild machen zu können von dem, was Flucht für den oder die Einzelne bedeutet und was die Menschen, die bei uns ankommen, hinter sich haben. Ich besuchte das Lager Moria, wo ich vor allem Afghan*innen und Somalis kennenlernte. Sie nahmen mich mit – erst in ihre Zelte und dann auf ihren Weg, der sie aus der Heimat nach Moria führte, in der Hoffnung, möglichst bald nach Deutschland oder in andere Länder reisen zu können, in denen sie sich frei und sicher fühlen. Außerdem half ich beim „Beach Clean“, um die Ufer von den Überresten der Flucht zu befreien. Wenig später lernte ich in Berlin einen Modedesigner aus Syrien kennen, der mir ausführlich über seinen Weg von Syrien über die Türkei nach Lesbos, Athen und Berlin berichtete und dabei immer wieder die Rolle der Kleidung auf der Flucht aufgriff. Aber mehr dazu im Blog.

Wie auch in vorangegangen interaktiven Arbeiten nähere ich mich dem Thema über Körper und Emotion und vermeide bewusst eine kognitive Herangehensweise. Im Rahmen von „Textile Touches of Escape and Migration“ lade ich interessierte Menschen ein, ihre Erfahrungen und Emotionen in Form eines Kunst-Kleidungsstücks auszudrücken und anschließend Anderen die Möglichkeit zu geben, dieses anzuziehen und so in ihre, in die Haut des*der Anderen zu schlüpfen.

Die Produktion eines solchen Kleid-Kunst-Werkes ermöglicht dem/der Künstler*in eine intensive Auseinandersetzung mit der eigenen Sichtweise. Eventuell gehört auch Mut dazu, sich mit dem eigenen Kleid-Kunst-Werk zu zeigen. Dem*der Ausstellungsbesucher*in wiederum bietet sich durch die Konfrontation mit der Gefühlswelt eines*einer Anderen, die Gelegenheit, eine möglicherweise überraschende Erfahrung zu machen, die unumgänglich zur intimen Auseinandersetzung mit sich selbst führt. Die Aufforderung, das Kunstwerk eines anderen sprichwörtlich anzuziehen schafft somit den Raum, auf ganz körperliche Weise, neue Perspektiven einzunehmen.

Ich wünsche mir, dass dieses Projekt mit viel Offenheit und auch einer gewissen Freude am Ausprobieren und Konfrontieren mit eigenen Barrieren umgesetzt wird. Ich wünsche mir eine ehrliche Auseinandersetzung, die allen Beteiligten die eigene Verwundbarkeit vor Augen führt, mehr Empathie und Interesse entwickeln, sowie das eigene Denken und Handeln überprüfen und gegebenenfalls korrigieren lässt.

Integration kann nur gelingen, wenn Geflüchtete und Einheimische sich wirklich begegnen. „Textile Touches of Escape and Migration“ lädt explizit Menschen mit und ohne Fluchterfahrung zur Teilnahme ein und möchte dieser notwendigen Begegnung einen Raum, einen Anlass geben.

Menschen, die sich als Kommunikator*innen und Organisator*innen am Projekt beteiligen möchten, sind ebenfalls mehr als willkommen.

Mehr zu meinen Arbeiten unter www.irene-schueller.de.

Annrike Udroiu: Diplom Textil- und Modedesignerin (FH), Kostümbildnerin, Arbeitsanleiterin und Sozialarbeiterin

Neben meiner Arbeit als freischaffende Designerin arbeite ich seit vielen Jahren mit sozial benachteiligten Menschen. Zunächst in der Arbeitstherapie als Anleiterin einer Näh- und Kreativwerkstatt und seit 2015 in der Sozialarbeit mit Geflüchteten.
Auch in meinem persönlichen Umfeld waren Flucht und Verlust von Identität ein präsentes Thema, da meine Großeltern und deren Familien im zweiten Weltkrieg fliehen mussten. Die Erfahrung des Vertrieben Seins, des Zurücklassens und des Heimatverlustes haben unsere Familienbiografie stark geprägt.
Ich habe von zahlreichen Menschen ausführlich über deren Fluchtgeschichte erfahren, über die verschiedenen Stationen und Emotionen vor, während und nach der Flucht. Diese Berichte sind so individuell wie die Menschen selbst und häufig reichen Worte allein nicht aus um das Erlebte auszudrücken. Daher freue ich mich und bin gespannt darauf mich der Thematik von gestalterischer Seite anzunähern und in Workshops zum Projekt mit Interessierten an deren Individuellen Kleid-Kunst Werken zu arbeiten.

Ece Ates: kuratorische Assistentin, Verwaltungsangestellte

Als Kunsthistorikerin, deren Arbeitsschwerpunkt im Bereich Biopolitik und deren Auswirkungen auf das menschliche Leben liegt, war ich immer an Grenzen und der Flüchtlingspolitik als Methode der Kontrolle interessiert. Geboren und aufgewachsen in Izmir an der türkischen Westküste, habe ich auch anderswo gelebt, weshalb mir Empathie mit Flüchtenden leicht fiel und ich mich schon bald mit ihnen beschäftigte. Nachdem ich im Ausland für verschiedene gemeinnützige Kulturinstitutionen gearbeitet hatte, unter anderem mit Künstlern aus den USA, kehrte ich während der Pandemie in die Türkei zurück, um meine Ausbildung weiterzuführen und neue Arbeitsmöglichkeiten zu erkunden. Hier wurde ich Zeugin eines starken Rassismus gegen Flüchtlinge und Asylsuchende.

Die Arbeit mit „Textile Touches“ ist mir aus mehreren Gründen sehr wichtig. Erstens möchte ich dabei helfen, ein Medium für Geflüchtete und Asylsuchende zu erschaffen, über das sie ihre Gefühle und Erfahrungen mitteilen können; ich hoffe außerdem, dadurch das Bewusstsein für Geflüchtete zu stärken. Im Lauf dieses Projekts tauchen wir nicht nur in ihre Erfahrungen und Erinnerungen ein, sondern auch in ihr Verhältnis zu Intoleranz und Diskriminierung. Um diese Beziehung besser zu verstehen, werden wir die Gedankenprozesse hinter der Diskriminierung erkunden. Somit soll dieses Projekt ein Diskussionsforum für beide Seiten bieten: für jene, die Vorurteile hegen, und für die Geflüchteten selbst.

KünstlerInnen

Anna Laura Bach
„Begegnungsmöglichkeit für mindestens Zwei“, 2022
Die Arbeit „Begegnungsmöglichkeit für mindestens Zwei“ dient dazu, neue Wege des Miteinan- ders zu erforschen, ungewohnte Begegnungen erlebbar zu machen um mit neuen Erfahrungen des Zwischenmenschlichen die Gesellschaft hoffentlich ein bisschen verändern und prägen zu können. Diese Begegnungen finde ich immer, aber vor allem für eine zukünftige Gesellschaft, in der neugierige Offenheit und zwischenmenschliche Zusammenkünfte eine besondere Rolle spielen, relevant. Das Kleidungsstück hat vier Ärmel und kann von zwei Personen getragen werden. Diese stehen sich frontal gegenüber und sind miteinander verbunden. Sie können sich Raum geben, die Be- wegungen des Einen wirken sich auf den Anderen aus. Es entstehen ungewohnte Begegnungen durch die Interaktion beim Tragen des Kleidungsstückes. Das Miteinander wird zum zentralen Aspekt der Arbeit. Das Objekt selbst ist schlicht und unauffällig, die intuitive Interaktion steht im Vordergrund. Das Material ist robust und wetterfest. Das Thema Flucht und Heimat gewann für mich in den letzten Jahren, vor allem durch meine ehrenamtliche Arbeit in einem Kulturverein zunehmend an Bedeutung. Durch Begegnungen mit Menschen die Fluchterfahrungen machten, deren Geschichten und die gemeinsame Zeit und Kulturarbeit bewegten mich und gewannen auch in meiner persönlichen und künstlerischen Auseinandersetzung mit dem Zwischenmenschlichen an emotionaler Bedeutung. Als Modedesi- gnerin sehe ich es auch als die Aufgabe von Bekleidung zu gesellschaftlicher Entwicklung beizu- tragen. Mode, oder zumindest diese Arbeit, soll Menschen zusammenbringen und verbinden die unterschiedliche Herkunft, Vergangenheit, Kultur und Geschichte haben. Die „Begegnungsmög- lichkeit für mindestens Zwei“ ermöglicht eine besondere zwischenmenschliche Auseinanderset- zung für die Träger:innen.

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Moni Bosch
„Bilder im Kopf“, 2022
einige Gedanken dazu:
Ankommen ohne Gepäck – im Kopf die Bilder
Bilder der Vergangenheit: lang zurückliegend – erst kürzlich

Erinnerungen an
die Kindheit
die Familie
das Zuhause
Missstände, die die Flucht verursacht haben
Erinnerungen an
den Aufbruch
die Flucht

Fragmente des Lebens in einer umbruchstarken Zeit
unsortiert
verstärkt durch starke Emotionen
Kopfkino
Eindrücke, die abrufbar
aber auch als visuelle Gedankenblitze einen Moment bestimmen.

Entwurzelungen und Assoziationen,
Festhalten-Wollen an den Erinnerungen, die so nach und nach schwinden.
Erinnerungen, die Davon-Schwimmen
Erinnerungen die sich wandeln,
durch Wünsche – Sehnsüchte – mit neuen und alten Vorstellungen

Denkanregungen, die gerne noch ergänzt werden können:

WHY ME?
Für Geflüchtete und die Betrachter*innen:
– warum und wie betrifft mich diese Situation?
– Einfluss der Weltpolitik – Einfluss auf mein persönliches Leben
– Krieg/Frieden – Hunger/Überfluss – mein persönliches Schicksal
– …
WHY NOT!
Für Geflüchtete: Rückkehr – Angst vor Tod – Angst vor dem Neuem – …
Für die Betrachter*innen: schlechtes Gewissen – Angst vor neuem Einfluss – …

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Waltraut Brügel

„was bleibt …“, 2022

Meine Arbeit steht für VERTREIBUNG und FLUCHT und ist meine eigene Geschichte

Geboren bin ich in einem deutschsprachigen Ort in der Vojvodina, dem damaligen Ungarn. Meine Eltern führten ein gut bürgerliches Leben, wurden dann aber durch den 2. Weltkrieg enteignet und, alles zurücklassend, in Arbeitslager und Vernichtungslager deportiert.
Von da aus gelang meiner Mutter mit mir und meiner Großmutter die Flucht von Ungarn über Österreich nach Deutschland. So kamen wir nach 2 Jahren als Flüchtlinge in einem neuen Land an; bekamen bei Einheimischen ein Zimmer zugewiesen, danach das Nachtwächterhäuschen als Wohnung.
Für mich begann nun mit 3 Jahren eine geordnete Zeit, allmählich verlor ich das Gefühl, ein Flüchtlingskind zu sein. Es wurde für mich eine glückliche Kindheit und Jugend.
Doch meine Mutter, besonders meine Großmutter, fühlten sich völlig entwurzelt, fremd und ohne Identität. Sie schleppten all ihre Erinnerungen mit sich und litten extrem unter dem Verlust der Heimat. Meine Mutter wurde mit 21 Jahren Witwe und versank über Jahre in ihrer Trauer.
Der Rock meiner Großmutter – einziges Kleidungsstück, das von der Vertreibung übriggeblieben ist -, hat mir als 2- und 3jähriges Kind während der Flucht Schutz geboten. Wiederum war er bei der Ankunft im fremden Land das sichtbare Zeichen des Andersseins.
In meinem Objekt verdeutliche ich durch die `Tränenschleppe`
die Schwere des Erlebten,
die angesammelte Traurigkeit, die vielen Ängste,
die Tragik des Fortgehens voller Sehnsucht.
Was zudem mitgeschleppt wurde und was ihnen aber blieb sind die Erinnerungen an ihr zurückliegendes Leben und ihres erlebten Glücks. Dies symbolisiert die Umhängetasche mit den geretteten kostbaren Fotografien, Zeugnisse einer glücklichen Zeit.
Nach und nach gelang ihnen, Dank der Bereitschaft der Einheimischen, eine Zugehörigkeit. Das Isoliert sein verschwand, Annäherung und Eingebundensein in die Gemeinschaft war gelungen.
Sie hatten in der neuen Heimat Platz genommen.

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Kussay Chi Chakly

THE MEDITERRANEAN WAVE

by Kussay Chi Chakly, Syrian fashion designer, living in Berlin since 2014

When I reached Berlin and moved to the “Ausländerheim” I had a small bag that had very few of my favourite clothes, my laptop, and a toothbrush.
There they had a room full of charity clothes, and much more came each week and piled up week after week.
People would pick some, but most of it just stayed there.
There I realised how big the textiles waste problem is in the first world! which started a spark between me and “recycling fashion”.
I was like everyone else looking for whatever I needed, but most of what I got was not really matching my flashy style.
So I would wait till everyone had picked what they wanted, then I would take some garments that had a nice colour or texture or were unwearable, cut them and patch them on plain T-Shirts, using my skills in evening wear couture.
This piece THE MEDITERRANEAN WAVE is one of these T-Shirts.
The T-shirt and all other materials are from what I found in the “Heim”, inspired by the stories of the countless people who have drowned trying to get to Europe since 2014.
It made me think how lucky we all are to be already here.
It made me think how far human beings are willing to go, just to feel safe and to live with dignity.
Even if they might end up in the bottom of the sea.
I wanted to tell them that you matter and I know why you did it.
I wanted to tell them that you are very brave and I will always remember you.
I wanted to tell them I’m sorry I couldn’t do much to help you.
And of course I wanted one more flashy t-shirt in my collection 🙂
The artwork was inspired from the wave by the Japanese artist Hokusai, and the black hand represents all the African refugees.

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Gisela-Ethaner Schelble

Roter Fluchtrock

Und manchmal frage ich mich im Alltag: wenn wir uns nicht sehen, wenn ich keinen Menschen treffe, wenn wir keine Zeit haben, beschäftigt sind: ja, wie ist denn die Beziehung? Wie ist denn die wirkliche Beziehung zum Menschsein? Zum Menschen, zu Freunden, zu Kulturen, zur eigenen Identität, zur Fremdheit, zum Anderssein, zur Heimat? Ich setze mich schon lange mit dem Begriff von Heimat, Identität, dem Andersein-Fremdsein, dem Verbundensein in der Welt und den Anderswelten auseinander. Der Austausch im Fremdsein und Anderssein, im Treffen und Auseinandergehen von Menschen, der Transparenz von Gefühl und die Findung von Identität und das damit verbundene neue Heimatgefühl und dieses Schaffen von Nähe im Umgang mit anderen trifft mich im Leben immer wieder. Es berührt tief. Und dieses neue Gefühl von wiederfinden von Heimat wünsche ich allen Menschen in all und trotz der verlorenen Welten in den neuen mit Empathie gestalteten unterschiedlichen Räumen. Räume in denen die Selbstbestimmung von allen Menschen geschützt, gefördert und gelebt wird.
„Filz als ein ISOLATOR, ein schützender Überzug gegen andere Einflüsse. Dazu kommt sein WÄRME-Charakter, ferner die STILLE, da jeder Laut absorbiert und gedämpft wird.“ Auszug Zitat Joseph Beuys
Durchsichtige Folie transportiert die „Nacktheit“ und die Fragilität der Flüchtenden. Die transparenten Gefrierbeutel sind gleichzeitig der Behälter, ein Symbol für die potentiell eingefrorenen Emotionen, die ein Flüchtender vielleicht für einen Augenblick von sich abtrennen muss, damit er überhaupt imstande ist in dieser Schocksituation in Aktion zu gehen.
Bienenwachstuch als Assoziation von Wärme, Geborgenheit und Heimat. Texte als innerer Dialog vom Flüchtenden und
In dieser Arbeit spielen die Verbindungen von Traum und Flucht und Heimat eine zentrale Rolle, insbesondere der Verlust der Heimat und dem damit verbunden Schmerz.
Ich gehe darin den Fragen nach:
Wie erleben wir Flucht?
Was heißt es, die Heimat zu verlieren?
Was löst dies beim Flüchtenden aus?
Was können Träume bewirken, was ist ein Traum, eine Utopie?
Bietet das Ausleuchten der Verbindungen zum Schmerz und das Transparent machen davon die Hilfestellung von dieser Welt in einer anderen Welt Boden zu finden, in Kommunikation zu kommen, den Schmerz zu verarbeiten, Hilfe zu erhalten, ein Bewusstsein zu schaffen, was in einem Flüchtling vorgehen kann? Ein Bewusstsein im Gegenüber zu schaffen, was es braucht an Menschlichkeit, realer Hilfe und Dasein?

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INDRA

„Fluchtschürze“

Bei der „Fluchtschürze“ handelt es sich um eine Art Schürzenkittel, wie man ihn von Hausfrauen aus der Mitte des vergangen Jahrhunderts kennt. Der geblümte Stoff ist allerdings deutlich weniger robust, als es zweckmäßig wäre. Dafür ist die Anzahl der Taschen, die auf den Kittel appliziert ist, um ein vielfaches größer als üblich. Seitlich ist der Kittel offen, damit man ihn leichter überziehen kann und in diesem Kleidungsstück auch rennen könnte. Er lässt sich mit seitlich angebrachten Bändern auf die Größe der Träger*innen einstellen. Füllt man die vielen Taschen mit Gegenständen, merkt man, dass der Kittel nur so tut, als wäre er nützlich. Die Gegenstände behindern einen bei der Fortbewegung, sie fallen leicht heraus und man könnte Angst bekommen, dass der zu dünne Stoff gleich reißt. Das wirft Fragen auf – nicht nur, nach den Dingen, die man einpacken möchte, die nützlich für eine Flucht sein könnten, nach dem, was einem wichtig ist, nützlich oder nicht, nach dem, was unbedingt mit muss. Auch Fragen zu leeren Taschen und nutzlosen Rettungsroutinen, nach Ersetzbarkeit und Unersetzbarkeit von Dingen, nach dem Herausgerissen-sein aus der Alltagsroutine und dem daraus resultierenden Gefühl.
Als Kind habe ich oft den Fluchtgeschichten meiner Großmutter zugehört. Sie ist auch diejenige, die ich im Schürzenkittel erinnere, immer fleißig in Haus und Garten. Ihre Geschichten waren damals für mich nur Abenteuer, denen ich aufmerksam gefolgt bin – was es wirklich bedeutet, seine Heimat verlassen zu müssen, lässt sich aber wahrscheinlich auch als Erwachsene*r nicht vollumfänglich ermessen. – Vielleicht kann die Fluchtschürze ein wenig wie eine Haut sein, in die man schlüpft, um zumindest gewisse Aspekte dieser Erfahrungen am eigenen Körper nachzuspüren.

„Ich, Du, Zuhause“

Die Arbeit „Ich, Du, Zuhause“ besteht aus zwei Teilen, die zueinander gehören. Auf dem einem Teil befinden sich die Klettpositive, auf dem anderen Teil die Klettnegative, als rote Rechtecke in spiegelsymmetrischer Anordnung. Die Klettpatches befinden sich an der Vorderseite, der Rückseite und an den Ärmeln der Kittel. Mittels dieser Klettgegenstücke können die Träger*innen der Kittel sich in verschiedenen Haltungen und Relationen aneinander anheften sowie hörbar und fühlbar das sich-voneinander-Ablösen wahrnehmen. Die Kittel selbst können mit den seitlich angenähten Bändern auf die Größen der jeweiligen Träger eingestellt werden. Diese halten das Kleidungsstück am Körper und stehen dem Zug der zusammengekletteten, sich auseinander bewegenden Klettflicken entgegen. Beide Kittel sind aus Reststücken ungefärbten Baumwollgewebes zusammengenäht. Die Nähte sind sichtbar, wie bei auf links gedrehten Kleidungsstücken und an den Säumen lösen sich Fäden. Das Material ist roh, die Verarbeitung hat einen provisorischen Charakter. Die formalen Elemente repräsentieren gleichzeitig das Konzept der Arbeit. Der performative Gedanke und die Erfahrung von Anknüpfungs- und Auflösungsprozessen stehen im Vordergrund. Es werden die Beziehungen von einem Ich, einem Du und einem Gefühl von Zuhause sein befragt.
Die Idee zu „Ich, Du, Zuhause“ kam mir im Zusammenhang mit Gedanken darüber, was für mich das Zuhause-Gefühl ausmacht. Zuhause bin ich nicht nur an einem Ort, sondern vor allem in den Beziehungen zu meinen Liebsten, meiner Familie. Gerade auch die Trennung von Paaren, eine die flieht, einer der kämpft, kann aus dieser Sicht einen Verlust dieser Geborgenheit, ein Zerreißen des Aufgehobenseins bedeuten. Im Geräusch der reißenden Kletts steckt dieser Verlust und in seinem Anhaften manifestieren sich die Bindungskräfte der Liebe.

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www.indra-s.net

 

Ursula Schroer

Rettungsweste no route, 2022

ca 52 cm x 65 cm Papier gefaltet

Die derzeitige Situation der UkrainerInnen macht sehr betroffen und daß man sowenig dagegen tun kann.
Seit Beginn des Krieges im Februar
boykottiere ich die Gasheizung und die Rettungsweste
ist ein Weiteres um mich mit dem Geschehen aktuell auseinanderzusetzen und dem einen Ausdruck zu verleihen. Sich damit direkt in die Lage versetzen zu können,
was Flucht bedeutet, alles zurück zulassen, in einem ungefähren Zustand zusein, mit der unmittelbaren Bedrohung vom gesamten Dasein, in einer Verlorenheit.

Die anziehbare Weste mit einem Ärmel besteht
aus altem Prospektmaterial
und alten Landkarten.
Recycelt um den Co2 Anteil der Arbeit möglichst gering zu halten.
Das aufspringende, teilbare Vorderteil ist links
aus gefalteten Taschen zusammengefügt, mit Abbildungen
von Teilen, die in den Taschen sein könnten und
mit einem Kind das zurückblickt.
Der rechte Teil in Form von gekreuzten Faltungen, die der
Abwehr und dem Schutz dienen.
Der Ärmel und der Rücken aus alten Kartenrouten und Landschafteni ist ein Gewebe, das auch sinnbildlich aus auf und ab, fühlbar macht und den Wechsel Tag und Nacht,
in endloser Wiederholung. 

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Irene Schüller

Long Time No See, 2022

Die Außenseite besteht aus glatten Stoffbahnen, ähnlich einem Zelt, während die Innenseite – nur für die tragende Person sichtbar – aus mehreren, einst gefällten, aber nun leeren und neu zu befüllenden Taschen zusammengesetzt ist. Umfang und Schwere schützen und machen zugleich unbeweglich; Freiraum gibt es lediglich für die Augen. Im urbanen Raum wirken Kleid und Trägerin, oder Träger, wie eine in Stein gehauene deplatzierte Skulptur. Form sowie Farbe deuten ein Potential an, dessen Richtung noch nicht gekärt ist. Long Time No See beschäftigt sich mit meiner Unsicherheit als nur indirekt von Vertreibung, Flucht und Migration betroffener Person. Einer Person, die das Fluchtgeschehen beobacht, durch die Medien damit konkrontiert wird, und nach Handlungsmöglichkeiten sucht. Ich reise 2019 ins Lager Moria um mehr zu verstehen, freunde mich dort mit afghanischen jungen Frauen an und entwickele dieses Kunstprojekt. Eine der beiden ist eine unglaublich begabte Modedesignerin. Gemeinsam diskutieren darüber, wie die Erfahrungen um Emotionen in Kleid-Kunstwerken dargestellt werden könnten und entwerfen erste Kleider. Fast drei Jahre später sind meine afghanischen Freundinnen noch immer in einem Lager in Griechenland. Angehört wurden sie noch immer nicht. Ihre Namen darf ich nicht nennen, auch keine Bilder von ihnen zeigen, denn es droht Steinigung wegen Ehebruch. Ehebruch nach Zwangsheirat als fünfte Frau mit einem 30 Jahre älteren Mann.

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Claudia Sousa Vaz

Saudade (Sehnsucht), 2022

Meine Migrationsbiografie nahm ihren Anfang noch vor meiner Geburt, als meine Eltern von Portugal nach Luxemburg zogen. Zwischen dann und jetzt habe ich in fünf verschiedenen europäischen Ländern und als erwachsene Frau noch nie länger als drei Jahre am gleichen Ort gelebt. Auch meine Vorfahren kommen teilweise aus unterschiedlichen Kontinenten. Das Herumziehen ist also ein Teil meiner Lebenserfahrung, eng verwoben mit meiner persönlichen Geschichte.
Aus meiner Muttersprache stammt das Wort „Saudade“, eine Form Sehnsucht, die auch unabhängig von einem Objekt existiert, also ohne dass ich weiß, wonach ich mich sehne, oder was ich vermisse. Dieses Wort ruft viele Bilder in mir hervor. Es trägt in sich gleichzeitig Trauer und Schönheit, Schmerz wie Zärtlichkeit und eine Art süß-bitteren Geschmack.
Diese unterschiedlichen und teilweise gegensätzlichen Qualitäten möchte ich durch meine Arbeit erfahrbar machen. Das Kupfertuch, ein gewöhnlicher Haushaltsgegenstand, wird mit zarter Spitze verknüpft. Die durchsichtige Angelschnur, die alles zusammenhält, erinnert mich an den Ozean meiner Heimat und ist zugleich unglaublich leicht und resistent.
Das Kratzen auf der Haut soll eine ähnliche Erfahrung vermitteln. Am Anfang spüre ich es deutlich, mit der Zeit verändert sich das Gefühl, ich merke es kaum noch. Meine Sehnsucht und dieses leichte Gefühl von fremd-sein werden Teil von mir, wie eine zweite Haut. Ich trage weiter ihre Zeichen, aber nur unter meiner Kleidung, denn ich möchte in meiner Umgebung dazugehören.
Durch meine Saudade spüre ich, dass etwas fehlt, und werde gleichzeitig daran erinnert, dass es doch immer in mir ist, unter der Haut, tief im Herzen.

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Anne-Marie Sprenger

Hoffnung bleibt, 2022

Gedanken zu meiner Arbeit:
Hoffnung bleibt als Wunsch und Ziel, denn ohne Hoffnung erscheint alles sinnlos.
Hoffnung – auf Frieden
– auf Leben
– auf Versöhnung
– auf Rettung
– auf Neuanfang
– auf eine bessere Zukunft etc.
Vorderseite:
Das Hemd hat zwei Taschen.
Die Tasche mit dem Wort FRIEDEN (deutsch und kyrillisch) ist leer – Frieden erscheint noch fern.
Aus der anderen Tasche mit dem Wort LEBEN hängen weiße Blütenblätter. Jedes Jahr erwacht die Natur zu neuem Leben – Hoffnung auf Neuanfang für alle….
Rücken:
Menschen auf dem Weg, die die aufgezeigten Hoffnungswünsche in sich tragen, denn Hoffnung muss bleiben –
ohne Hoffnung kein Leben. 

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Anita Trautmann

escaped, 2022

Baumwollstoff mit Siebdruck (Tansania ca. 1984)

Als Abwechslung zu meiner Arbeit am Schreibtisch und aus Neugierde auf die Welt, reiste ich in fremde Länder, um deren Kulturen zu sehen. Dort benutzte ich öffentliche Verkehrsmittel – Zug, Bus und Sammeltaxis und war so mit der Bevölkerung unterwegs. Ich erlebte Hilfsbereitschaft und Gastfreundschaft, war mitten unter Frauen und Familien. Im Lauf der Jahre ließen bei mir die Neugier und die Bereitschaft, Strapazen auf mich zu nehmen, nach. Ich hatte den Nordjemen bereist, war in Syrien unterwegs, in Myanmar und hatte schließlich die Lehmarchitektur in Mali gesehen.
So wie ich die Kulturen und Begegnungen nacheinander verinnerlicht hatte, wurden wenige Jahre später diese Länder zum Schauplatz von Auseinandersetzungen. Kulturdenkmäler wurden zerstört. Teile der Bevölkerung wurden unterdrückt und ganze Völker verfolgt. Von Kriegen heimgesucht, leiden die Menschen Hunger oder müssen fliehen. Um den „Feind“ zu unterwerfen und zu demütigen, werden systematisch Frauen vergewaltigt. Vertrieben aus ihrer Heimat, wird den Menschen in Europa oft mit Misstrauen begegnet.
Auch ich entkam einem versuchten Übergriff durch einen lauten Hilfeschrei.
Eine nahe Verwandte hatte zu Kriegsende 1945 in Deutschland weniger Glück.
Die 21-Jährige wurde in ihrem Elternhaus von drei französischen Besatzungssoldaten vergewaltigt.
Der lachsfarbene Stoff des Overalls ist mit roten Motiven von Hand im Siebdruckverfahren bedruckt. Für „Textiles Touches“ versehen mit einem beschädigten, roten Reißverschluss.
Wie die roten Bänder und Litzen erinnern diese an Gewalt und Verletzung. Ebenso die roten Nähte („Stiche“) an den Schultern, und die Löcher an den kurzen Ärmeln. 

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