Textile Touches of Escape and Migration

blog

EINLADUNG ZUR BETEILIGUNG AN DER KOLLEKTION RETTUNGSWESTE
EINLADUNG ZUR BETEILIGUNG AN DER KOLLEKTION RETTUNGSWESTE

Da mir unendlich viele Bürohemden gratis zur Verfügung gestellt wurden, begann ich zu überlegen, was ich damit machen könnte. Eine Frau in Moria erzählte mir, dass schwarze Kleidung auf der Flucht besonders praktisch sei, da man sich damit bei Nacht gut verstecken könne. Die Rettungsweste als Symbol für die Flucht über das Mittelmeer schlechthin sollte die Form darstellen. Ich färbte die Hemden schwarz, um den Stoff als Ausgangsbasis für Westen zu nehmen. Da ich Pflanzenfarbe verwendete, wurde das Ergebnis mehr violett als schwarz. Violett als Symbolfarbe für Transformation entspricht sogar noch mehr der thematischen Aussage dieses Vorhabens. Die Schneiderin Inessa Reifschneider schneiderte eine erste Weste, die nun als Prototyp dient.

Wer sich an einer seriellen Arbeit – bestehend aus violettfarbenen Rettungs-Westen – beteiligen möchte, kann eingefärbte, getragene Bürohemden im Atelier abholen. Die Stoffe können natürlich auch selbst eingefärbt werden (bitte nur umweltfreundliche Pflanzenfarbe verwenden). Getragene Hemden sind erfahrungsgemäß in jedem Secondhandladen erhältlich.

MEIN BEITRAG FÜR DIE AUSSTELLUNG
MEIN BEITRAG FÜR DIE AUSSTELLUNG

In den ersten Monaten nach meiner Rückkehr von Lesbos versuchte ich mich zunächst selbst an der Nähmaschine. Allerdings war ich noch nicht zufrieden mit meinen Ergebnissen. Mit Unterstützung der Kostümbildnerin Gesine Habermann aus Frankfurt konzipierte ich meine eigene Arbeit für die Ausstellung, die nun den Titel „Long Time No See“ trägt. Das Kleid-Kunst-Werk selbst, eine Fotografie sowie ein dokumentarischer Film dazu waren bereits in Freiburg im Karl Rahner Haus (Link zu „Long Time No See“) zu sehen. In „Textile Touches of Escape and Migration“ wird es erstmals Besucher*innen zur Anprobe zur Verfügung stehen.

ERFAHRUNGEN IN MORIA UND KLEIDERKREISLÄUFE
ERFAHRUNGEN IN MORIA UND KLEIDERKREISLÄUFE

Um die Menschen zu schützen, mit denen ich so eng in Kontakt war und die mir ihre teils sehr persönlichen Geschichten erzählten, verzichte ich auf die Veröffentlichung von Fotos von ihnen. Eine Geschichte berührte mich jedoch besonders, sodass ich sie hier teilen möchte. Es ist die Geschichte einer jungen Afghanin, selbst eine Modedesignerin! Sie flüchtete aus Afghanistan, da ihre Eltern sie als fünfte Frau mit einem 30 Jahre älteren Mann verheiratet hatten. Verliebt in einen Jungen ihres Alters, flüchtete sie in den Iran und schaffte es, dort eine Ausbildung in Modedesign erfolgreich abzuschließen und anschließend für Film und Fernsehen zu entwerfen. Als ihre Familie sie allerdings dort aufspürte, musste sie sofort untertauchen, da ihr sonst die Steinigung wegen Ehebruchs gedroht hätte.

Mir wurde schnell klar, dass kaum jemand, den*die ich im Lager Moria traf, noch seine*ihre ursprüngliche Kleidung trug. Auf der Route (von Afghanistan, Syrien, Nordafrika… bis nach Moria) hatte es mehrere Stationen gegeben, an denen Kleider ausgetauscht worden waren. Die Flüchtenden, die zu der Zeit von Frontex oder verschiedenen NGOs geborgen wurden und auf Lesbos ankamen, gaben im Erstaufnahmelager in der Regel ihre nassen Kleider ab und wurden dort sofort mit trockenen versorgt. Genauer: mit trockenen Kleidern, die zuvor von anderen Geflüchteten dort abgegeben worden waren und, nun gewaschen, den Neuankömmlingen zur Verfügung gestellt wurden. Ein ausgefeiltes System, das dazu beiträgt, dass Menschen immer wieder in eine neue Kleideridentität schlüpfen.

ERFAHRUNGEN AN DEN UFERN
ERFAHRUNGEN AN DEN UFERN

Erst auf Lesbos wurde mir klar, dass die Fluchtsituation die griechischen Inseln auch vor ökologische Herausforderungen stellt. Viele der Fluchthilfen werden an den Ufern zurück gelassen. NGOs versuchen, über Beach-Clean-Aktionen zu helfen. Im Norden der Insel gab es damals zudem eine Sammelstation für die zurückgelassenen Rettungswesten – ein „Life-Vest-Graveyard“ – und verschiedene Ideen, diese zum Beispiel zu Handtaschen oder Geldbeuteln weiterzuverarbeiten.